Ich marschierte jeden Morgen um 5.00 Uhr los, rauf in die Berge und gewöhnte mich langsam an das viele Gewicht auf dem Rücken. Ich dankte Gott - oder wem auch immer- einmal mehr für die Erfindung von Merino-Funktionsshirts und -Pullover, da die Aufstiege wirklich sehr schweisstreibend und intensiv waren. Doch ich wurde immer belohnt mit wunderschönen Anblicken, entweder von Gämsen - die mich leider im Anblick hatten, bevor ich sie sah - blöder Fehler, der mir noch ein paarmal unterlief oder dann von Birkhähnen, die erst dann geräuschvoll zu Tal abzischten, als ich direkt unter dem Baum stand. Ich erschrak jedesmal heftig, ein ungewohntes Geräusch! Aber herrlich, dieses majestätische Weggleiten. Dann überraschte mich mal ein Hirsch auf einem Wechsel hinter mir; ich hörte den wirklich erst, als er fast 10m hinter mir stand und wegen meiner Kopfbewegung erst in wildeste Flucht verfiel. Oder dann der Hirsch-Spiesser, den ich erst als grossen Rehbock angesprochen hatte und bis ich dann checkte, dass es ein "guter" Spiesser wäre, war er natürlich schon wieder verschwunden. Wie geht das - mit leeren Händen, aber nie mit leerem Herzen von der Jagd zurückgekehrt....:-)
Dann versuchte ich es in einem Tobel auf einen dort bekannten Gamsbock - zwar wieder ein "Waldbock" aber langsam ging mir gegen Ende der ersten Woche die Energie aus. Es ist einfach zweifellos brutal anstrengend und mir gings merklich an die Substanz!
Ich robbte also grad vorsichtig über die Kante des wirklich enorm steilen Tobels und wollte mich grad hinter einen Stein plumpsen lassen, als es von der gegenüberliegenden Seite pfiff. Ja was zur Hölle...! Natürlich hatte mich ein Gamsbock bereits gesichtet und warnte schonmal seine Kollegen. Auf ca. 100m flüchtete er steil die Halde runter, diese Sprünge, diese Perfektion, was für eine Anmut, was für eine Kraft. Dann verhoffte er. Ich nahm das Glas rauf; Bock?? So sicher bin ich ja nicht beim Gamswild. Ja, deutlich konnte ich den Pinsel erkennen, auch die Krucken liessen keine Fragen offen. Ich schätzte ihn auf ca. 6jährig, seine Decke war schon schwarz eingefärbt, er war wunderschön anzusehen. Stolz stand er da und starrte zu mir hinauf. Ich konnte mich einfach nicht rühren. Still sass ich da, schaute ihn einfach an. Und er mich. Was war das für eine Distanz; ich schätzte mal so an die 200m. Schiessen? Von den Knien? Für Hinlegen wars zu spät...ich überlegte.... Der Bock tat derweil so, als würde er wiederkäuen und legte sich ins Lager. Ausgeklügelte Strategie, das! Sein Blick aber stets zu mir. Lange lag er so da. Er wollte so erreichen, dass ich mich bewegte, denn er konnte mich doch nicht ganz als "Total-Feind" einschätzen....
Dann wurde es ihm wohl zu doof. Doch kein Feind und nur einfach ein überlüssiger Eindringling? Er sprang auf, streckte sich genüsslich, drehte sich elegant um und sprang anmutig weiter bergab. Ich sass da. Mit klopfendem Herzen. Während eine Stimme im Unterbewusstsein rief "Weichei, Weichei, warum hast du ihn nicht erlegt!", aber die Stimme im Herzen, die wusste schon wieso....
Am nächsten Morgen - ich war bereits wieder im steilen Aufstieg - bekam ich eine SMS von einem anderen Paar, mit welchem wir gut befreundet sind. Sie sind Gamsjäger par excellence. Ob ich Lust hätte, sie auf ihrer Seite auf Gamsjagd zu begleiten! Was für eine Ehre! Aber sicher! Nur - ich stand ganz an einem anderen Eck als sie. Also - weiter rauf, über die Waldgrenze hinaus, dann all die steilen Tobel queren, oben angekommen die Fläche bis zum Chüehberg laufen, diesen queren und runter zu ihrer Hütte stechen. Das alles dauerte inklusive Aufstieg ja schon gute 4 Stunden. Meine Füsse waren mittlerweile von der ganzen Woche schon voller Blasen. Bei Cathi wurde ich erstmal mit Wurst und Kuchen versorgt, viel Wasser und dann auch noch mit neuen Pflastern für die Füsse.
Nach einer Stunde Ausruhen gings dann weiter. Und was für ein Aufstieg. Jeder Schritt tat mir weh, als ich mich die steile Grashalde direkt bergauf - so gewinnen wir am schnellsten Höhenmeter - hinaufschraubte. Der Schweiss lief in Strömen, meine Füsse waren bleischwer. Die Nachmittags-Sonne drückte nur so und die gefütterte Hose klebte an meinen Beinen. Immer wieder musste ich verschnaufen, zu Atem kommen, die Säure in den Waden abklingen lassen. Langsam gings weiter. Ich schaute nicht mehr nach oben, nicht mehr nach unten, konzentrierte mich einfach nur noch darauf, einen Schritt nach dem anderen zu machen und die Tritte sicher zu setzen. Nicht mal mehr die vielen Munggenbauten oder die schrillen Alarmpfiffe ihrer Bewohner liessen mich aufhorchen, ich funktionierte einfach nur noch.
Es war halb geschafft. Ich musste mich hinsetzen, Traubenzucker inhalieren. Wasser trinken. Das schlimmste war geschafft. Rührend wurde ich von Cathi umsorgt, sie wollte mir auch noch meine Waffe zum Tragen abnehmen, nein, nein, die trage ich noch selber, auch wenn ich dabei zusammenbreche und auf den Knien rauf muss.... Cathi grinste mich nur verständnisvoll an. Weiter gings. Auf welche Bergspitze würde es gehen? Egal, ich lief einfach in meinem Tempo, wir querten Geröllhalden - volle Konzentration und guter Bergstock-Einsatz war gefragt, dann wieder Grasnarben, weiter rauf, immer weiter. Das Panorama war zum niederknien.
Bergwelt pur!
Hier stehe ich noch am Mittag des selben Tages und schau da rüber, wo ich dieses Foto oben aufgenommen habe (der Berg rechts am Bildrand, die weissen Schneeflecken ganz zuoberst am Gipfel - dann die Kante von dort weiter runter - dort habe ich auf den Gamsbock gejagt.)
Und ja - dann, endlich oben. Ich hatte es geschafft. Schnell etwas trockenes anziehen, Schicht über Schicht, auf 2500 ü.M. ziehts dann gerne und ich war durchgeschwitzt. Daunenjacke, Windstopper, Kappe - ja so gehts. Warm eingepackt spiegelten wir die schroffen Bergkanten ab. Einen jungen Gamsbock machten wir aus, ca. 3jährig, zu jung, zu gut. Muss nicht sein.
Wir robbten weiter dem Grat entlang, spiegelten vorsichtigst die Wand unter uns ab. Da - ein Gamsbock! Und was für einer! Sogar mir als absolut unerfahrener Gamsjägerin war klar, dass wir hier einen Prachtsbock im Anblick hatten. Doch wie kommen wir an ihn ran. Ganz hinter der Kante rannten wir an ein Eck, von wo wir glaubten, dass es klappen könnte. Tat es aber nicht. Umdisponieren - also wieder zurück - wieder rannten wir hinauf, auf einen anderen Felsvorsprung. Auf dem Bauch robbten wir vorwärts, ja, das könnte hinhauen - vorsichtig legte Beat - Cathis Partner und der für mich weltbeste Gamsjäger - seinen Rucksack als Auflage für mich parat, schraubte an meiner Vergrösserung und sagte - "130m. Wenn er sich dreht, dann schiess!"
In mir wackelte und rumorte alles, ich fand erst keine gute Position, brachte den rechten Ellbogen nicht runter, dann aber endlich nach einigem rumfummeln - was Beat innerlich wohl fast zur Verzweiflung brachte - passte es, ich spannte die R8. Der Bock stand steil unter mir. Halleluja, so habe ich noch nie ein Tier erlegt, bitte, lass es klappen, er soll nicht leiden müssen.... ich konzentrierte mich mit allem was ich noch zur Verfügung hatte, riss mich zusammen um nicht zu wackeln, wartete, bis er sich nochmals leicht drehte, das tat er langsamst.... langsam fuhr ich mit dem Absehen von unten dem Lauf hoch, auf der Höhe des Herzens resp. weiter vorne an der Brust, zog ich langsam den Abzug. Die Welt stand still. Ich atmete langsamst aus und drückte die Hand weiter zu... Die 10.3x60 verliess abermals den Lauf und schlug präzise mit voller Wucht zum tödlichen Treffer ein. Der Gamsbock fiel auf der Stelle um und rutschte noch einige Meter in der steilen Felshalde nach unten. Mich schüttelte es derweil einmal mehr, die Tränen liefen unkontrolliert - Beat schlug mir anerkennend auf die Schulter, Cathi tröstete mich erstmal eine Runde. Ich schöpfte nach Atem, beruhigte mich langsam, die harte Tour an diesem Tag über die Grenzen, dann die Quälereien durch die ganze Woche, die Emotionen und die Trauer über den Tod eines so stolzen, herrlichen Tieres und die Freude über die gelungene Jagd - da kam einfach vieles hoch...
Cathi&Beat - auch hier nochmals. Tausend Dank - unbeschreiblich!!!


*Gänsehaut*
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