Dienstag, 16. Oktober 2012

Hochjagd im Kanton Graubünden

Zum ersten Mal, nach bestandener Jagdprüfung letztes Jahr, löste ich dieses Jahr das Hochjagd-Patent. Ich war gespannt, was mich erwarten würde - ist die Bergjagd doch so eine ganz andere, als die Revierjagd.

In der ersten Septemberwoche der Bündner Hochjagd, fuhren wir zu unserem guten Freund Robert, der im Valsertal, genauer im Lugnez beheimatet ist. Eine herrliche, wilde Rot- und Gemswildecke. Robert ist ein leidenschaftlicher Rotwildjäger und auch ein sehr erfolgreicher dazu. Ich verabschiedete mich gleich am ersten Jagdtag von der Gruppe und stiess ins Tobel, welches kaum je von Menschen betreten wird, weil es bloss aus Gebirge, Fels und steilen Kanten besteht. Aber Gemsen, ja, die hats da hinten....


Mit Waffe, Rucksack, Schlafsack, Essen, Trinken und sonstigem Kram bewaffnet, begab ich mich also frühmorgens ins Tobel und pirschte möglichst leise - sofern das im Steilhang überhaupt geht - in Richtung Schlucht, zu der Ecke, die weit und tief hinten in der Schlucht liegt und ausser Robert und nun mir, kaum von einem Menschen begangen wird. Nicht ganz ohne Grund...

Bald sah ich auch schon das erste Stück Rotwild hochflüchtig abgehen. Herrlich. Zwischenzeitlich rann mir der Schweiss den Rücken runter, immer wieder musste ich pausieren wegen der schweren und ungewohnten Last auf dem Rücken und dann natürlich auch wegen dieser steilen Passagen. Auf Hirsch- und Gemswechseln - Wege gibts da natürlich keine - pirschte ich weiter. Rauf, runter an Felsnasen vorbeihangeln, bis ich zu einer Geröllschlucht kam, wo ich Gemsen vermutete. Ich richtete mich mal ein und spiegelte sorgfältig ab. Da pfiff es mir bereits um die Ohren. Verflucht!!! Frontal kam eine Jährlingsgeiss auf mich zu, sprang elegant und anmutig über die Felsbrocken und zog von mir weg. Aber hey, immerhin Anblick! Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Vorsichtig spiegelte ich die gegenüberliegende Felswand ab. Da ein heller Fleck! Ich visierte den Fleck im Glas an und sah eine Hirschkuh gemütlich im Gras liegen, direkt unter einer steilen Kante. Die lag da friedlich längelang ausgestreckt und schlief den Schlaf der Gerechten. Ich schaute ihr lange zu - so gut es eben auf 180m dann eben ging und freute mich über diesen intimen Einblick in die Wildtierstube. Als ich aufbrach, lag sie noch immer gemütlich da, ich konnte in der Vergrösserung sogar sehen, wie sich ihre Augenlider bewegten und wie ihr immer wieder die Augen zu fielen ob der wohl bleiernden Müdigkeit;-)
Dann kam ich an den Fuss der Schlucht, hoppste sehr elegant *räusper* über den Bach, der ziemlich Wasser führte und musste dies ob der Enge der Schlucht noch ein paarmal wiederholen, wenns kein weiterkommen auf der einen Seite mehr gab. Am Ende waren meine Hanwag komplett nass, die Socken auch und von den Hosen wollen wir mal gar nicht reden.

Endlich war ich an der Felskante angelangt, wo ich gut Einsicht auf die gegenüberliegende Steilwand hatte. Ich zog die nassen Sachen aus, wechselte Hosen und Socken und kroch in den Schlafsack. Man muss sich das also so vorstellen, dass ich auf einem Felsvorsprung hockte/lag, der herrlich von einer grossen Tanne abgegrenzt ist und in die dicken Wurzeln kann man sich prima einkuscheln. Einen Meter weiter hinten geht es 30m die Steilwand runter. So verbrachte ich die Nacht. Aber ich schlief echt prima, so unter freiem Himmel und anfängliche Horrorszenarien habe ich tapfer im Ansatz aus den Gedanken verbannt:-)

Frühmorgens, mir taten alle Glieder weh, wachte ich auf. Und dann begann das Warten auf die Gemsen; würden sie von den Weiden runterkommen und da an der Steilwand gegenüber zum Wasser schöpfen runterziehen?! Dann nach 2 Stunden - immer wieder zog Nebel auf - konnte ich ein Rudel Gemsen ganz oben an der Wand ausmachen. 2 Geissen, 2 Kitze und - eine Jährlingsgeiss! Prima! Die behielt ich im Blick und schickte Stossgebete zu Diana...


...ich wurde erhört, die Geiss kam langsam die Steilwand runter und zog ganz links in eine andere Wand. An schiessen ist da nicht mal zu denken. Aber die erste Klippe wäre geschafft. Sie äste und äste, immer hatte ich sie im Blick. Gegen Mittag zog sie langsam in meine Richtung, aber immer noch weit über 200m und an nicht schiessbarer Stelle. Dann ging sie ins Lager. Ich musste grinsen. Mittlerweile war ich wohl schon leicht irre. Dann tauchte eine zweite Jährlingsgeiss auf, etwas schwächer im Habitus als die Erste, keine Ahnung von woher diese plötzlich kam! Diese zog langsam und sehr bedächtig in meine Richtung, langsam richtete ich mich ein. Nun stand sie auf 150m, ziemlich visavis und naschte mal hier und mal da von den kargen Gräsern und schleckte wohl Salz von den Steinen ab. Sie zog langsam an die Stelle, wo ein Schuss vertretbar ist, erstens, um zum bergen hinzukommen und zweitens, um sie wohlbehalten bergen zu können und nicht um komplett zu zerschellen in den steilen Wänden und dem Geröll. Das Absehen lag auf dem Blatt, ich zog langsam am Abzug....und anstelle von Rummmms machte es Klick!! Ja Herrgott nochmal! Ungerührt zog die Geiss weiter. Ich repetierte die Patrone raus, steckte eine neue Patrone rein. Den Atem unter Kontrolle bringen, warten...jaaa, das passt, Absehen aufs Blatt und....KLICK!!


Ich rastete beinahe aus und war nahe daran, den R8 in die Schlucht zu werfen, repetierte nochmals raus und dann voller Kraft rein und startete Versuch Nr. 3; dann stand sie perfekt, Rotpunkt auf dem Blatt, die Zeit blieb stehen, alles verschwimmt. Ruuuuuummmmms, die 10.3 x 60R verlässt den Lauf und bringt der kleinen Jährlingsgeiss den Tod. Noch als sie fiel, noch als die letzten Zuckungen durch ihren Körper gingen, fing ich an zu schluchzen. Unkontrolliert schüttelte es mich. Ich dankte Diana und auch der kleinen Geiss, deren Leben ich nahm. Still lag sie da. Was bleibt zu sagen; einfach nur Danke. Wieder ein Stückchen demütiger geworden; das lässt sie einen, die Gamsjagd.

So unwirtlich sieht das da aus:-)


 Und das ist meine erste Jährlingsgamsgeiss













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